LBG Ruhrgebiet

Location Based Games im Ruhrgebiet – Geocaching, Munzee, und co.

Von Nägeln, Bäumen und Doppelmoral

Der Hintergrund

Vor einigen Tagen erregte ein Blogartikel Aufsehen in der grünen Hölle. Dabei war der Stein des Anstoßes die Befestigung eines selbst gebastelten Versteckss, dass mittels Schrauben an einem lebenden Baum befestigt war. Schrauben und Nägel in Bäumen scheinen also für Teile der Community ein NoGo zu sein. Doch was ist nun dran an den Nägeln und Schrauben, die für Cacheverstecke, zum Anbringen von Stationen und auch Reflektoren verwendet werden. Schaden sie dem Baum und wenn ja in wie weit? Und auch welche Auswirkungen haben solch bearbeitete  Bäume für die Holzindustrie?

Nachgefragt

Das man mit ein zwei Kupfernägeln einen Baum töten kann, wurde bereits in einem 1976 gestarteten Versuch widerlegt – auch wenn sich das Gerücht noch hartnäckig hält. Zu diesem Punkt wollte ich dann aber auch nochmal die Meinung eines Experten hören. Mir stand an der Uni Essen ein ehemaliger Dozent von mir, promovierter Botaniker und Diplomforstwirt, Rede und Antwort. Ebenso schrieb ich 8 rundholzverarbeitende Sägewerke an und erhielt von vieren eine mehr oder minder ausführliche Antwort.
Der Schaden am Baum
Nägel oder Schrauben schaden Bäumen nicht in direkter Weise. Bei der Anbringung entsteht jedoch eine Wunde, über die Bakterien, Viren und Pilze in den Baum eindringen und ihn infezieren können. Mit der Zeit, abhängig vom Klima, Art, Alter usw. wird die Wunde verschlossen und der Nagel „eingekapselt“. Das ganze ist in etwas vergleichbar mit einer Spritze beim Arzt oder einer Schürfwunde – auch diese kann sich infizieren – auch wenn der Wundverschluss bei Pflanzen länger dauert. Ist der Nagel erst einmal eingekapselt besteht keine direkte Gefahr mehr für den Baum. Im Rahmen des Wachstums wird unter Umständen der Nagel auch vollständig umwachsen – was man auch von eingewachsenen Reflektoren kennt.
Zwischenfazit: Nägel und Schrauben in Bäume zu schlagen/rammen/schrauben ist mit Sicherheit nicht die freundlichste Art im Umgang mit der Natur – den Baum jedoch juckt es nur wenig. Bei gesunden Bäumen ist auch auf Grund der pflanzlichen Abwehrmechanismen nur selten mit Infektionen zu rechnen.

Die Holzindustrie
Während der Nagel dem Baum relativ egal ist, so hat er doch womöglich Auswirkungen auf die holzverarbeitende Industrie.
Grundtenor: Während es den Baum wenig juckt, so hat der Nagel doch gravierende Auswirkungen auf den Verarbeitungsprozess. Alle äußerten sich einig darüber, dass Sägeblätter, aber vor allem Hobel werden durch Metallteile stark gefährdet und führen durch Reparaturen und Produktionsausfällen zu erheblichen Kosten. Dabei gab ein Sägewerk an Holzstämme im Vorfeld durch Detektoren zu prüfen, während ein Betrieb angab keine zu besitzen.
Neben diesen Gefährdungen leidet aber auch den Angaben zur Folge die Holzqualität – in wie fern, dazu erhielt ich keine Angaben.
Fazit: Während Nägel und Schrauben einen Baum nicht umbringen und auch kaum ernsthaft gefährden, so stellen sie doch für die Weiterverarbeitung ein wirtschaftliches Problem dar.

Wer ohne Sünde ist…

Doch gerade die allseits beliebten Nachtcaches kommen scheinbar nicht ohne solche Sünden aus. So ist mir im Rückblick kein Nachtcache bekannt, bei dem nicht Reflektoren an einem Baum steckten, oder zumindest eine Station ähnlich befestigt war. Dafür sind mir aber auch noch einige nicht-NC eingefallen, wo Vogelhäuser oder auch Besenhalter für PETlinge anzutreffen waren.
Auf ein Beispiel traf ich vergangenes Wochenende. Über 500 Funde, über 240 Favoritenpunkte, 4,5 Sterne bei GCVote und unzählige Verweise auf Bookmarklisten und ähnlich viele Beobachter. Ganz klar ein Nachtcache, nachdem sich die Comunity die Finger lechzt. Auch der Owner hat da offensichtlich nicht nur eine Menge Herzblut, sondern auch Finanzkapital in das Technik-Erlebnis der anderen investiert – Voicemodule mit Magnetschalter, IR-Reaktivlichter, reaktive Laser u.s.w.. Natürlich müssen solche Stationen auch befestigt werden, auch ein Reflektor bleibt nicht alleine am Baum und unterwegs stolpert man fast über einen Materialstand der NABU-Ortsgruppe.

In den Logs finden sich jedoch, außer den lobenden Worten, keine Bemängelung der Reflektoren, keine Beschwerden über die Befestigung der Stationen und selbst das unmittelbar benachbarte NABU-Material wird nur unter “interessanter Besuch beim NABU” erwähnt.

Nichtzuletzt wird der Cacheowner auch in diversen einschlägigen Internetshops auch fündig: Feuernadeln, Reisnägel und co. Alles bestellbar und nach Hause lieferbar. Es gibt also eine gewisse Nachfrage. Und auch ich habe mich schuldig gemacht – Reflektoren auf Reisnägeln, Vogelhäuschen, angeschraubte Stationen,…alles schon mal gehabt.

Gefährliche Doppelmoral

Doch wenn es nun tatsächlich an dem ist, dass Fremdeseigentum (was auch Bäume sind) im Rahmen des Hobbies  nicht beschädigt werden darf und auch keine Dauerhaften Beschädigungen/Veränderungen der Natur erfolgen dürfen – wieso kommen keine Äußerungen in den Logs dazu. Wieso herrscht ein solcher Run auf ebensolche NoGo-Caches? Steht den Geocachern in der Situation das Erlebnis an erster Stelle und erst nach dem Wochenende kommen in der grünen Hölle die Gewissensbisse auf?

Das finde ich insbesondere für die Außendarstellung des Hobbies eine gefährliche Doppelmoral. Jäger wird es freuen die Einstellung im Forum zu lesen – doch im Wald die Realität zu sehen.

Für mich habe ich das ganze auch noch nicht abschließend gelöst…

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8 Antworten zu “Von Nägeln, Bäumen und Doppelmoral

  1. Zappo September 27, 2011 um 20:42

    Naja, Doppelmoral wäre es, wenn DIE SELBEN Leute sich im grünen Forum über Nägel im Baum beklagen würden, die die Caches auch machen und loggen. Da bin ich mir nicht so sicher.

    Nur: Die erste Stufe wäre ja eher, klarzumachen, daß Schrauben in Bäumen nicht ok sind – und zwar unabhängig der oben geschilderten Nichtlebensbedrohung des Baumes. Ich glaube, das wissen einfach viele (mittlerweile) nicht mehr – der NABU nach MEINER Erfahrung am wenigsten.
    Auch der legendäre “Birkenbohrer” war sich anscheinend nicht unbedingt seiner Schuld bewußt, als er einen Forstnerbohrer in die Birke rammte.

    Ganz witzig, daß ich gerade heute Nachmittag einen ca. 65 jahre alten “Edelrentner” mit gebräunter Haut und Mercedescoupe seelenruhig mit einem Schnitzmesser an der Uferpromenade ein Herz in die Rinde schnitzen sah. Meine etwas rhethorische Frage, daß er doch wohl weiß, daß das den Baum schädigt, beantwortete er freundlich mit “Ja”.

    Natürlich weiß ich auch, daß das den Baum in aller Regel nicht umbringt, genauso wie die oben beschriebenen Nägel und Haken – aber MAN MACHT ES EBEN NICHT – zu deutsch NoGo.

    In die Exekutive gehe ich trotzdem nicht – weder bei Reißzwecken in Rinden noch bei Rentnern. Bei massiven Schrauben und Bohrungen schon eher – den Birkenpetling hätte ich sicher entsorgt.

    Aber warum es allen egal ist? Da zählt der Punkt, das Erlebnis, und falsch verstandener Corpsgeist. Aber wie gesagt, ich glaube die Logger und die Nörgler sind zwei verschiedene Gruppen

    Gruß Zappo

    Dem massive Beschädigungen von lebenden Bäumen noch nicht untergekommen sind.

  2. catmax September 27, 2011 um 20:42

    Endlich bringt das Thema mal jemand auf den Punkt und kümmert sich auch mal darum, was die Waldbesitzer und Holzverwerter davon halten. Sehr schöner Artikel zum Thema und danke für die, sicherlich aufwendigen, Recherchen bei den Betrieben.

  3. Sturmrufer September 27, 2011 um 20:42

    Erinnert mich an das Paradoxon, wenn man als Autofahrer über die langsam eiernde Radfahrer auf Landstraßen meckert und als Radfahrer über die rücksichtslosen Autofahrer :)

    Sowas lässt sich nicht auflösen.

  4. Sturmrufer September 27, 2011 um 20:42

    Was mir auch aufgefallen ist: Der örtliche Wanderklub hat ja schon vor knapp 100 Jahren angefangen den Wald mit kleinen Schildchen zu pflastern. Die schlagen die Nägel IMMER nur in die äußere Rinde der Bäume, niemals ganz durch die Rinde. Das verhindert wohl die Infektionen und die Schilder lassen sich auch leichter wieder entfernen. Dabei werden Bäume mit dicker äußerer Rinde (Eichen, Kiefern) bevorzugt.

  5. Holger September 28, 2011 um 20:42

    Das Schöne ist, die Grüne Hölle ist nicht das wirkliche Leben! Die Nörgler dort verbringen mehr Zeit mit Geflame und Guidelining als mit Dosensuche, die ihnen den Spaß am Leben wieder brächte.
    Schöner Artikel. Danke!

  6. ElliPirelli September 28, 2011 um 20:42

    Wie immer gibt es sone und solche.

    Nägel im Baum sind dann okay, wenn nicht der Hauptstamm genommen wird. Sind Reflektoren, Feuernadeln und anderes im dünnen Seitengeäst, wird es auch für die Sägewerke keine Probleme geben, denn die Seitenäste verwerten sie nicht.
    Ein eingewachsener Nagel macht das Holz an der Stelle schwarz, es eignet sich dann nicht mehr für Funiere. Seitenäste werden aber in aller Regel höchstens noch als Feuerholz genutzt, da macht es nichts, wenn sie Verfärbungen im Holz haben.

    Je mehr man die Aufmerksamkeit auf diese Problematik lenkt, desto besser.

    Gruß, Elli

  7. frechdaxx70 September 28, 2011 um 20:42

    Danke für diesen top recherchierten Artikel und das Aufzeigen des Für und Wider, wenn es um Befestigungsmethoden an Bäumen geht …sagt der Urheber dieser “Empörungswelle”.

    Gruß vom frechdaxx70

  8. Heinz September 29, 2011 um 20:42

    > Steht den Geocachern in der Situation das Erlebnis an erster Stelle und erst nach dem
    > Wochenende kommen in der grünen Hölle die Gewissensbisse auf?
    > Das finde ich insbesondere für die Außendarstellung des Hobbies eine gefährliche
    > Doppelmoral.
    Na die finden wir doch überall; jeder regt sich über Umweltverschmutzung auf, aber die wenigsten schaffen das Auto ab, investieren in Solaranlage etc.
    Im Gegenteil, alle mit denen man darüber redet haben eher die Meinung “mein” Auto macht doch gar nicht soviel Dreck.
    Ergo – “mein” Gang in den Wald zum Cachen ist es nicht, der die Trampelpfade und Störungen verursacht.
    Und es ich auch nicht “mein” Cache der schuld ist, der liegt doch da einsam da, ist kaum zu sehen und erst 160 m weiter wird alles kaputt gemacht.

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